Geschrieben von Senor Caramba, eingestellt von am 14. Februar 2012 in Regeln, Spielen

Anfang des Monats überraschte Games Workshop die Herr der Ringe Community seit sehr langer Zeit mit einem ganzen Schub neuer Erweiterungen für das teils schon tot geglaubte Skirmish System. Die bisherige Profilwelt war durch viele alte Erweiterungsbücher so wie Artikel aus dem White-Dwarf auf eine beachtliche Menge angewachsen, wodurch leider auch immer wieder die Spielbalance und Hintergrundtreue leiden musste. Schauen wir also, was sich durch die neuen Bücher an der Situation des Tabletops verändert hat – zum Guten oder zum Schlechten.

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In diesem Artikel werfe ich speziell einen Blick auf die Profile im Buch „Die Freien Völker„, in welchem die Armeen der Elben, Zwerge und aller anderen Streiter des Guten, die nicht zu den Königreichen der Menschen gehören, behandelt werden.

Ich werde auf alle nennenswerte Neuerungen oder auch gleich bleibende Dinge eingehen und versuchen einzuschätzen, wie die Armeen im Buch durch die Veränderungen am Armeebau und der Aufstellung betroffen sein werden. Zuerst werde ich immer auf die Heldenprofile an sich eingehen, dann auf die Aufwertungen, die sie Kriegern ermöglichen, dann auf die Kriegerprofile und zu guter Letzt ein Fazit zu der jeweiligen Armee abgeben.

Hochelben

Bisher waren die Hochelben meiner Einschätzung nach eins der stärksten Völker auf Seite der Guten, da sie durch sehr starke Helden und die Krieger mit dem (um es positiv auszudrücken) besten Preis-/Leistungsverhältnis im Spiel Armeen mit extrem starken Fern- und Nahkampfanteil aufstellen konnten.

Helden

Die Elbenbrüder Elladan und Elrohir waren bisher wohl die stärksten und beliebtesten Helden der Guten Seite (bzw. die verhasstesten Helden für die Bösen), da sie für wenig Punkte sehr viele Attacken und Heldentum liefern. An ihrem Profil hat sich allerdings nichts getan, was ich enttäuschend finde. Beide müssen im gleichen Trupp enthalten sein, was sie nun mehr wie einen einzelnen, großen Helden funktionieren lässt.

Ebenfalls unverändert bleibt Cirdan, der für Turnierlisten immer noch praktisch unspielbar ist. Auch hier wäre eine Veränderung, wenn auch in die andere Richtung, wünschenswert gewesen.

Mit einem etwas teurer gewordenen Erestor und dem gleich gebliebenen Gildor haben die Hochelben nun zwei Mittelklasse Helden, die allerdings jeweils nur einen Heldentumspunkt haben und damit nur bedingt attraktiv beim Armeebau sind.

Aufwertungen

Gil-Galad erlaubt es Hochelbenkrieger mit einem zusätzlichen Punkt Kampfkraft auszustatten. Für ein paar Modelle um gegnerische Helden zu beschäftigen ist das sicherlich nett, für mehr allerdings uninteressant.

Gildor macht es möglich Waldelbenkriegern 2 Zoll zusätzliche Bewegung zu geben. Gerade bei Elben mit ihren berüchtigten Schützen ist das eine sehr starke Fähigkeit, die leider die unbeliebte zurückzieh-Taktik fördert. Aber Moment mal – Waldelben? Was ist denn da passiert? Es befinden sich keine Waldelben in der Liste. Hier ist wohl ein Errata Eintrag notwendig um herauszufinden, ob GW diese Regel tatsächlich ausschließlich für Bündnisarmeen vorgesehen hat, oder doch Hochelben meint.

Krieger

Besonders hier ist die Erneuerung leider ein ziemlicher Rückschritt. Es gibt nicht nur keine neuen Einheiten, so dass Hochelben weiterhin mit nur einem einzigen Truppentypen auskommen müssen, sondern wurde auch die Option entfernt Krieger ungerüstet zu spielen. Das ist in vielerlei Hinsicht bedauerlich, nicht nur taktisch, sondern lassen sich auch thematische Trupps, wie Gildors Sippe, so nicht mehr schön aufstellen.

Fazit

Die Hochelben werden sehr unter der Begrenzung von zwölf Modellen pro Held und der neuen Aufstellung in vielen der Szenarien zu leiden haben. Grob geschätzt werden Elben selbst wenn sie sich auf billige Helden beschränken nur auf ca. 12 Modelle pro 200 Punkte kommen. Der Ausgleich der Unterzahl durch starke Schützen wird zusätzlich durch das Hereinwürfeln von Truppen erschwert. Große Helden wie Elrond werden wahrscheinlich kaum spielbar sein.

Ich hatte mir eine Abschwächung der Hochelben durchaus gewünscht, aber nicht so! Die jetzige Version schießt deutlich über das Ziel hinaus. Einige Erhöhungen von Punktkosten und leichte Abänderungen, das dann Zugunsten von neuen Profilen, hätten völlig gereicht.

Waldelben

Waldelben waren der härteste Konkurrent der Hochelben um Platz eins der guten Völker. Sie haben zwar eine niedrige Verteidigung, machten dies aber durch sehr fiese Massearmeen mit extrem starkem Fernkampf wett. In den Händen der richtigen Spieler waren diese Armeen nur durch direkte „Elben-Konter-Armeen“ mit hoher Verteidigung, Bewegung und am Besten dem Schattenkönig zu besiegen.

Helden

Zu den Profilen an sich lässt sich nicht viel sagen, da sich wie bei den Hochelben hier nicht viel geändert hat.

Rumil behält sein von vielen Spielern als zu stark angesehenes Profil bei.

Thranduil hat nun einen zweiten Zauber in seiner Krone. Thematisch frage ich mich immer noch, wie eine Krone zaubern kann –  spielerisch ist es aber eine nette Fähigkeit, vielleicht genug, dass er zur Abwechslung mal Anstelle seines Sohnes gespielt wird?

Die Kosten der Hauptleute haben mich etwas überrascht: der Hauptmann der Galadhrim und der Waldelben kosten trotz unterschiedlicher Verteidigung das Gleiche. Auch hier frage ich mich: was war denn da los?

Aufwertungen

Celeborn ermöglicht es den Truppen einen Mut von 6 zu geben. Das braucht wirklich kein Mensch… und ein Elb erst recht nicht.

Thranduils Aufwertung hingegen wird wahrscheinlich häufige Verwendung finden: 2+ Schützen. Aus Balancing-Sicht ist das ein Schritt in die absolut falsche Richtung, da es die gefürchteten Elbenschützen noch übertriebener macht.

Krieger

Hier fällt nur auf, dass Galadhrim Krieger keine Zwangsausrüstung mehr haben und dadurch an den Powerlevel der anderen Elben angeglichen wurden.

Fazit

Auch die Waldelben haben noch die gleichen (zu) starken Profile wie früher. Durch die etwas besseren und häufiger vorhandenen Mittelklasse-Helden so wie ungerüstete Truppen werden sie durch die neuen Armeebauregeln wohl nicht so sehr zurückstecken wie die Hochelben. Dass sie ein paar mehr Helden einsetzen müssen ist in dem Sinne gut, dass man wohl nicht mehr 60-Modell Elbenlisten auf 700 Punkten spielen kann. Allerdings werden sie durch die neue Aufstellung umso mehr geschädigt, da sie nun schneller im Nahkampf sein werden. Wie sich das ausbalanciert ist aber schwer einzuschätzen. Auch hier hätte ich mir andere Änderungen gewünscht.

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Zwerge

Zwerge glänzten bisher durch preisgünstige Elitekrieger und Helden, gepaart mit durchweg hoher Verteidigung, gutem Beschuss und den (vor Erscheinen der Helmingas) einzigen S4 Einheiten der Guten, auf Kosten von geringer Beweglichkeit und dem Fehlen von Speeren.

Helden

Es gibt hier eigentlich nur ein Profil, dessen Änderung wirklich auffällt. Davor fiel mir nur der Hinweis auf, dass bei Balin Durins Axt (die sowieso grundsätzlich unthematisch ist, da er erschossen wurde kurz nachdem er sie fand) nicht nur billiger wurde (unnötig), sondern auch den Hinweis hat, dass sie nicht ausgerüstet werden darf, wenn Durin auch in der Armee ist. Will uns GW damit sagen, es sei okay Durin und Balin, zwischen denen zwei Zeitalter liegen, in der gleichen Liste gespielt werden dürfen?

Was aber wirklich auffällt ist der Schiedskämpfer, der jetzt für gleiche Punktzahl mehr Stärke und aufgewertete Herolde hat! Der hatte bisher schon ein SEHR attraktives Preis-/Leistungsverhältnis. Jetzt?  ich fand den Ausdruck „Spinnenkönigin der Zwerge“ im Forum sehr passend.

Aufwertungen

Die Aufwertungen der Zwerge sind ein Fehlschlag.

Durin kann seinen Kriegern praktisch die Leibwachenregel auf sich geben, während Murin und Drar die Stärke ihrer Truppen erhöhen. Auf die Standardkrieger angewendet erhält man so maximal schlechtere Khazadwachen, warum also nicht einfach die spielen?

Krieger

Auch hier ändert sich nichts, was nicht gut ist. Elitekrieger sind immer noch zu billig, während Waldläufer zu unattraktiv bleiben.

Fazit

Ich kann hier nur das Gleiche sagen wie bei Elben: Änderungen, die gut gewesen wären, wurden unterlassen, stattdessen wird die Armee durch den neuen Armeebau stark zusammengekürzt. Einzig durch die neue Aufstellung werden die Zwerge wahrscheinlich etwas profitieren, da sie schneller in den Nahkampf kommen, wo sie nun einmal am besten glänzen.

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Hobbits

Eher ein seltener Anblick in der Turnierwelt sind die Hobbits, wobei sie immer mal für eine Überraschung gut sein konnten.

Helden und Krieger und Fazit?

Frodo ist immer noch eine überteuerte Standarte, Merry und Pippin haben aus irgendeinem Grund jetzt zwei Attacken, Sam und Paladin bleiben gleich wie früher. Und damit sind auch schon alle möglichen Anführer der Hobbits abgehandelt, was effektiv bedeutet, dass Hobbits über 500 Punkten praktisch nicht mehr spielbar sind, weil man nicht mehr als 60 Krieger mitnehmen kann!

Aufwertungen

Während Merry Krieger durch einen Stärkebonus fast so stark wie Goblins machen kann (hui) gibt Pippin Schützen mehr (Nah-) Kampfkraft, nicht sehr hilfreich.

Die Gefährten

Änderungen sind marginal. Gandalfs Karren ist eine witzige Idee und davon abgesehen, dass er etwas teuer ist, ist so ein 3L Reittier für einen Zauberer sicher nicht schlecht.

Frodos Ausrüstungskosten sind immer noch albern.

Lutz das Pony ist seltsame Idee aber eigentlich ganz nett umgesetzt. Wenn man sich allerdings vor Augen hält, dass dies in einem Buch über „Die Freien Völker“ das einzige(!) neue Profil ist, ist das irgendwie traurig.

Der Rest

Tom Bombadil und Goldbeere wurden verändert – war das genau hier nötig? Bei Profilen, die sowieso von keiner Turnierleitung zugelassen werden und selbst in Szenarien thematisch nur ganz begrenzt überhaupt einsetzbar sind?

Ents und Adler sind dagegen gleich geblieben und immer noch uninteressant.

Saruman, der stärkste Zauberer der Guten, wurde durch die Option auf ein Pferd noch stärker gemacht.

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Abschließende Bemerkungen und Fazit

Es fällt auf, dass durch das Ausbleiben von Armeelisten wie nach „Legionen von Mittelerde“ mehr Listen gibt, in denen unmögliche Kombinationen auftauchen z.B. Gil-Galad und Arwen ? so etwas könnte neuere oder nicht sehr mit dem Hintergrund bewanderte Spieler zum Erstellen unthematischer Listen verleiten.

Die Ausrüstungsoptionen sind eher schlecht beschrieben, absolut minimalistisch und wirft durch das Fehlen von Handwaffen ebenfalls Fragen bei neuen Spielern auf.

„Siehe Regelbuch“ – eine Anmerkung, die ich gehofft hatte, dass sie bei einer neuen Auflage des Spiels abgeschafft würde. Man benötigt immer noch X Bücher um sich alle Informationen zusammenzusuchen, die man braucht.

Ein positiver Punkt war die schöne Übersicht über alle Profile am Ende des Buchs.

Spielerisch sehe ich dunkle Seiten für die Freien Völker anbrechen, die nach diesem ersten Einblick von den wesentlich billigeren Truppen der Bösen, die sowieso mehr und günstigere Helden spielen, überrannt werden.

Was das Gesamtwerk angeht: ich hatte mich gefreut, dass dem guten alten System mit den neuen Büchern wieder Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Aber Games Workshop hat es geschafft meine Erwartungen über deren Inhalt deutlich zu untertreffen!

Die Regeländerungen sind meistens nur an Stellen, wo es unangebracht ist – entweder weil sie völlig in die falsche Richtung gehen, oder weil komplett unnütz geändert wurde. Notwendige oder sinnvolle Änderungen bilden die Ausnahme. Als Gamedesigner muss ich sagen (und nehme da kein Blatt vor den Mund): insgesamt wirkt die Überarbeitung faul und inkompetent. Statt neuen Profilen zu erfinden wurden größtenteils unspielbare Aufwertungen zu Charakteren hinzugefügt. Dazu sieht es für mich so aus, dass um die neue Plastikboxenordnung zu verkaufen ohne Rücksicht auf Verluste eine neue Grundregel per Brechstange in das Spiel gepackt wurde und ansonsten wie gehabt mit Scheuklappen auf weitergemacht wird.

Games Workshop hat eine Chance verpasst das Spiel zu verbessern, Chaos zusammenzufassen und wo nötig zu reparieren. Die alten Grundregeln waren gut und haben eine bessere Behandlung verdient!

– Senor Caramba

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