Rezension "Heerscharen, Ringkrieg Erweiterung" von Games Workshop

Von Tankred. Mit Heerscharen veröffentlicht Games Workshop die erste Erweiterung für das Regelwerk "Ringkrieg". Mich persönlich überraschte es zu hören, dass es eine Erweiterung für Ringkrieg geben solle, da ich bislang den Eindruck hatte, dass das Mittelerderpertoire in Ringkrieg sehr weit abgedeckt wurde. Nahezu jede Formation, die einem im Herr der Ringe auffiel, findet sich im Regelwerk. Daher war mir nicht klar, welchen Zweck Heerscharen erfüllen sollte. Bereits beim Durchblättern wurde mir klar, dass Heerscharen mittels attraktiver Sonderregeln stimmige auf Buch und Film basierende Armeelisten belohnen möchte. Ein hehres Ansinnen, dem ich in dieser Renzension etwas auf den Zahn fühlen möchte.

Überblick über den Inhalt

Die 80seitige Erweiterung enthält gerade mal 5 Seiten zur Erläuterung, was Heerscharen sind und wie sie von den Regeln her behandelt werden. Die Basisregeln werden also nur minimal ergänzt. Der Fokus der Erweiterung sind berühmte Heerscharen in mittelerdegetreuen Zusammensetzung. Jede Ringkriegfraktion erhält dabei mehrere Heerscharen zur Auswahl, darunter sind Zum Beispiel Erkenbrands Reiter oder die Morgulritter oder auch eine Mûmakhorde.

Grundprinzip der Heerscharen

Jede Heerschar enthält Epische Helden, mitunter mehrere, die auch optional sein können, Pflichtauswahlen und optionale normale oder legendären Formationen. Im Prinzip folgt die Heerschar Armeelistenkompositionsregeln vergleichbar mit Warhammer oder Flames of War um zwei Beispiele zu nennen. Zunächst erwartete ich, dass Heerscharen eher kleinere Verbände innerhalb einer Armee sind, da in den Erläuterungen auch die Rede davon war, dass man mehrere Heerscharen zusammen in einer Armee aufstellen kann. Kalkuliert man aber mal die Punktkosten für eine Heerschar, die sich aus den Formationskosten, Heldenkosten und Heerscharkosten zusammensetzt, wird man feststellen, dass man bei maximaler Kompaniezahl recht schnell über 1000 Punkte kommt. Freilich kann man auch eine kleinere Heerschar zusammen stellen, allerdings weiß jeder, der mit nur wenigen Kompanien gespielt hat, dass das keine attraktive Option ist. Heerscharen rückt sich also bei der Komposition einer Armee in den Mittelpunkt, auch wenn es ledigilich eine Option darstellt. Es gibt freilich auch mehrere Beispiele für übersichtlichere Heerscharen, z.B. im Falle der Toten, die auch miteinander kombiniert werden können.

Armeekompostion vs. Sonderregeln

Bei meinen ersten Gehversuchen mit Ringkrieg sind mir einige Ringkriegarmeen aufgefallen, deren Komposition hauptsächlich um die Sonderregeln der in ihr enthaltenen Helden herum entstanden ist. Gerade kompetetive Spieler picken sich thematisch meist mäßig gut zusammenpassende Helden zusammen, um wirklich mörderische Kombinationen spielen zu können. Heerscharen scheint mir der Versuch zu sein, diesem Problem entgegenzuwirken. Die Pflichtwahlen der Listen verhindern meines Erachtens recht gut, dass Armeen allzu spezialisiert monoton bzw. ausmaximiert aufgestellt werden. Für den Gegenwert von 50 bis 75 Punkten winken teilweise sehr mächtige Sonderregeln.

Freilich sind die Sonderregeln genau das, was die Regelautoren bei Herr der Ringe noch nie sonderlich gut im Griff hatten, weil Punktekosten und Auswirkungen auf Spiele von Sonderregeln naturgemäß sehr schwierig zu kalkulieren sind. Dennoch liegt für mich hier der Hund begraben, ich begrüße zum einen nicht, dass es so viele Sonderregeln gibt, weil des die Komplexität des Spiels unnötig steigert, zum anderen, weil etliche Sonderregeln, auch aus Heerscharen, Schwächen und damit Charakteristiken von Truppen abmildern. Sie führen dazu, dass die Völker sich weniger unterscheiden.

Als Beispiel sei hier genannt, dass viele Sonderregeln auf eine Verbesserung der Entsetzenstests abzielen, was sicherlich hilfreich ist, da diese Tests in Ringkrieg oft vorkommen und z.B. im Kampf gegen Elben ein fast schon übermächtiges Element darstellen. Wenn allerdings Dingen entgegengesteuert werden muss sollte das meines Erachtens eher im Kern des Spiels korrigiert werden als in Form von vielen Sonderregeln. Das Resultat ist nämlich oft, dass sich die Eigenschaften der verschiedenen Fraktionen immer mehr ähneln, wenn Charakteristika wie Mut etc. künstlich angehoben werden. Die Core-Regeln zu modifizieren scheint mir aber im Bereich Herr der Ringe ein Phänomen zu sein, dass nur in der Anfangsphase des Skirmish-Spiels vorkam. Hier setzt GW eher auf die Eigenverantwortung der Spieler und zieht sich auch in anderen Systemen in Sachen Game-Balance aus der Verantwortung zurück.

Games Workshop vorzuwerfen, dass sie es mit den Sonderregeln übertreiben ist aber ein wenig so, als würde man Ferrari vorwerfen, dass sie in erster Linie rote Autos produzieren, obwohl es doch so viele andere schöne Autofarben gibt. Viele GW Kunden lieben Sonderregeln und erwarten das auch. Mir missfällt an den Sonderregeln meist die schiere Anzahl und dass Kombinationen von Sonderregeln untereinander und Kombinationen mit Magie nur schwer zu überschauen sind und Exploits ermöglichen. Aber wie schon gesagt ist dieser Vorwurf in gewisser Weise widersinnig, da sie zu den Grundfesten des GW Gamedesigns gehören. Der Kater lässt das Mausen eben nicht.

Die Sonderregeln

Die Wirkungsweise der Sonderregeln variieren stark und zwar von übermächtig, z.B. dass alle Formationen einer Heerschar ebenfalls einen heroischen Angriff ansagen können, wenn der Anführer unter Einsatz eines Heldentums einen ansagt. Bedenkt man, dass man durchaus 1500 Punkte und mehr in eine einzige Heerschar packen kann bedeutet das, dass eine komplette Truppe außerhalb der Reihe attackieren kann. Nicht schlecht allerdings schlägt das ganze mit 75 Punkten zu Buche. 

Immer wieder tauchen Regeln auf, die die Moral der Truppe um einen Anführer herum innerhalb von 12 Zoll hebt, oder deren Fertigkeiten verbessert. Solche kleinen Vorteile sind schon für 50 Punkte zu haben.

Die Stellschrauben für die Feinabstimmung der Heerscharen bestehen aus den Pflichtauswahlen und den daraus entstechenden Kosten, der Qualität der Sonderregeln, der Anzahl der Sonderregeln und den Kosten für die Heerschar. Auf den ersten Blick scheinen mir die umfangreichen Heerscharen recht ausgewogen zu sein allerdings wäre das dann wirklich das erste Werk von GW, bei dem sich nicht recht bald glasklare Favouriten abzeichnen.

Passend zu allen Heerscharen gibt es die Möglichkeit weitere passende Geschicke für seine Armee auszuwählen. Dort verbergen sich tatsächlich sehr hintergrundgetreue frische Ideen, die mir teilweise sehr gut gefallen. Zum Beispiel kann man eine goldgierige Zwergentruppe für 25 Punkte im Kampf sehr stur machen. Das sind nette Details, die aber wahrscheinlich aufgrund ihrer recht hohen Punktekosten eher ein Schattendasein führen werden, ein Schicksal, das die Geschicke aus dem Grundregelwerk bereits ereilt hat.

Die Heerscharen

Die vorgestellten Heerscharen sind für eingefleischte Veteranen der ersten Stunde des Strategiespiels keine wirklich neue Sache. Wer öfter Turniere besucht hat, wird viele bereits erschaffene Themenarmeen in der deutschen oder internationalen Community wieder erkennen. Bemerkenswert finde ich allerdings die Dichte an interessanten und stimmigen und schönen Armeen in der Erweiterung. Eine Entheerschar, Eomers Reiter, 9 geflügelte Nazgul, Dains Zwerge, eine Hobbitarmee solche Beispiele lassen mein Herz schon höher schlagen und derlei mutige Armeeauswahlen werden nun mit zum Teil recht heftigen Sonderregeln unterstützt. Die Ringgeister auf geflügelten Schatten verursachen z.B. kumultativen Schaden, wenn sie gemeinsam eine Formation angreifen. 

Hinzu kommt, dass die Armeen sehr schön dargestellt sind um zum Teil neu bemalte thematische Armeen abgebildet sind, die nicht nur aus dem Bestand illustriert wurden. Erkenbrands Reiter und die Dol Amrothtruppen sind z.B. eigens für das Buch bemalt und fotografiert worden.

An dieser Stelle hätte es ruhig noch etwas weiter gehen können mit thematischen Geländestücken, Spielmarkern, Szenischen Bases für die Kompanien und Umbauten, aber die schiere Masse an Fraktionen hat so etwas natürlich verhindert.

Ein Wermutstropfen bei recht vielen Listen ist allerdings, wie "Der goldene Drache" in unserer Community anmerkte, dass teilweise absurd viele Zinnmodelle notwendig sind. Zwei Formationen Krieger von Lamedon z.B. lassen selbst gut betuchte Hobbyisten zucken. Die Pflichtauswahlen in ihrer Anzahl zu reduzieren wäre sicherlich bei einigen Listen angebracht, damit man diese auch tatsächlich im Einsatz sieht.

Das praktische Problem, wie man eigentlich Heerscharentruppen von Nichtheerscharentruppen unterscheiden solle wurde von "Olvatrolta" in der Community angesprochen. Die Publikation schlägt unterschiedliche Bemalung vor, was ein eher idealtypischer Vorschlag ist, für wahrscheinlicher halte ich die Variante, dass viele Spieler ihre Armeeteile durch eine Gestaltung der Kompaniebasen unterscheiden.

Die Liste der Heerscharen ist meines Erachtens die Essenz der für uns Wargamer interessanten Armeen Mittelerdes. Hier fehlen wirklich nur ein paar Exoten, die besonders kreative Geister eben frei Schnauze auf das Feld führen müssen.

Dass es in der Gamebalance erneut krasse Ausreißerlisten gibt, war allen Kennern des Herr der Ringe Strategiespiels sicherlich klar. "Olvatrolta" wies auf zwei besonders unbalancierte Listen hin: Gorgoroth und Moria. Bleibt zu hoffen, dass sich die Community eher auf die Positivbeispiele stürzt.

Fazit

Heerscharen ist eine Erweiterung, die einem sehr hehren Ziel folgt: Sie belohnt eine nach Mittelerde passende stimmige Armeeauswahl mit mächtigen Sonderregeln, in denen oft auch noch einmal Tolkiens Welt aufgegriffen wird. 

Dabei bietet sich Heerscharen sehr dezent als Option an und übernimmt keinesfalls eine restriktive Rolle wie Legionen von Mittelerde. Da eine Heerschar ein recht großer Verband ist, der zudem auch noch weitere Punkte verschlingt, scheint mir das Potenzial für optimierungsfreudige Turnierboys gar nicht allzu groß zu sein. 50 bis 75 Punkte bedeutet schließlich auch, auf zwei bis 5 Kompanien verzichten zu müssen.

Wer darauf verzichtet seine Armee ausschließlich aus Formationen mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis zusammenzustellen und sogar passende Helden auswählt, wird nicht stark in seiner Auswahl eingeschränkt, wenn er eine Heerschar aufstellen möchte. Das Korsett durch diese Erweiterung ist also eher bequem und sieht dazu noch schick aus.

Die Erweiterung wird es allerdings nicht verhindern, dass zum stimmigen Kern einer Heerschar unstimmige zusätzliche Helden oder Verbündete aufgestellt werden. Sicherlich wird sich bei Celeborn und Galadriel immer noch Gandalf rumstromern und Saruman wird seine Truppe höchstpersönlich an den Klammwall führen und sogar noch Zauberlehrlinge in Form von Schamanen mitnehmen, einfach weil sich dadurch heftigste Kombinationsmöglichkeiten ergeben. Dennoch meine ich eine neue Handschrift zu lesen und zwar die des Autors Robin Cruddace. Mein erster Eindruck ist, dass Heerscharen eine gute neue Richtung einschlägt, bleibt abzuwarten, welch unvorhergesehenen Killerkombos nun möglich sind.

Empfehlen möchte ich die Erweiterung allen, die stimmige Mittelerdearmeen mögen, als Inspiration auch für das Skirmish-Spiel und Ringkrieg Spielern, die auf Atmosphäre setzen. Die Hardcoreturnierarmeeoptimierer kaufen sich das Werk ohnehin auf der Suche nach den tödlichsten Sonderregelkombos, daher spare ich mir die Empfehlung für diese Zielgruppe.

Skirmishspieler, die eine Erweiterung im alten Stil erwarten seien bitte gewarnt. Es gibt keinen Hobbyteil, keine passenden Szenarien und keine Hintergrundstory. Heerscharen ist eher eine Armeelistensammlung, die durchaus auch seine Berechtigung als Armeelisten im Grundbuch gehabt hätte, wäre sie nicht separat erschienen. 

Leserwertung